von Thomas Themsfeldt, Bundestrainer der Gehörlosen Nationalmannschaft Pistole
Eine Europameisterschaft ist für einen Trainer immer etwas Besonderes. Für mich war diese Europameisterschaft jedoch eine ganz neue Erfahrung: Zum ersten Mal war ich als Trainer mit der Gehörlosen-Nationalmannschaft Pistole bei einer Europameisterschaft dabei.
Was ich dort erlebt habe, hat mich nicht nur sportlich beeindruckt, sondern auch persönlich beschäftigt. Denn schnell wurde mir bewusst: Hier ist vieles anders – und gleichzeitig ist das Entscheidende genau gleich. Auf dem Schießstand spricht der Sport seine eigene Sprache. Die visuell unterstützt werden muss
Eine besondere Atmosphäre in den Finals
Für mich als Hörenden waren besonders die Finals ein sehr emotionales Erlebnis. Die Atmosphäre in der Halle war ungewohnt laut. Zwischenrufe, Beifall und die Reaktionen des Publikums waren deutlich zu hören.
Für die gehörlosen Sportlerinnen und Sportler selbst spielt diese Geräuschkulisse dagegen keine Rolle. Sie können sie nicht wahrnehmen und damit auch nicht durch akustische Signale beeinflussen lassen. Gerade diese Situation war für mich eine neue Erfahrung. Während die Geräusche der Halle für mich sehr präsent waren, konzentrierten sich die Athletinnen und Athleten auf das, was für sie entscheidend ist: den eigenen Ablauf, die Technik, die Konzentration und letztlich den entscheidenden Moment des Schusses. In dem Moment als die Entscheidung um Platz 1 und 2 gefallen ist, brach die Emotion aus den Sportlern, so dass ich vollkommend überrascht war. Aber nach einer kurzen Überlegungsphase war es klar. „Die Lautstärke kann nicht geregelt werden“
Kommunikation ohne gesprochene Worte
Eine weitere Besonderheit betrifft die Hörhilfen. Hörgeräte und andere technische Hilfsmittel für das Gehör mussten vor dem Schützenstand abgelegt werden. Damit gelten für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die gleichen Bedingungen. Noch stärker beeindruckt hat mich jedoch die Kommunikation. Gebärdensprachen sind keineswegs weltweit einheitlich. Es gibt unterschiedliche Gebärdensprachen, die sich von Land zu Land unterscheiden und teilweise auch regionale Besonderheiten aufweisen. Bei einer internationalen Meisterschaft treffen deshalb nicht nur Sportlerinnen und Sportler verschiedener Nationen aufeinander, sondern auch unterschiedliche Formen der Kommunikation.
Das kann natürlich kompliziert werden, bei der Reporting Time. Denn auch hier wurde nach ISSF-Regeln geschossen. Das Problem stellte sich natürlich im Zeitablauf dar. Wenn mehre Sprachen übersetzt werden mussten!
Was für mich zunächst ungewohnt war, wurde im Laufe der Meisterschaft immer selbstverständlicher. Verständigt wird sich mit Blicken, Gesten, Mimik und natürlich mit den jeweiligen Gebärdensprachen. Ein Sportler sagte zu mir, „Erfinde deine eigene Gebärdensprache, wir werden es verstehen“. Dabei wurde mir deutlich, wie wenig Kommunikation tatsächlich von gesprochener Sprache abhängt.
So unterschiedlich die Voraussetzungen auch sein mögen – auf dem Schießstand selbst war mir vieles sofort vertraut. Konzentration, Technik, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, im entscheidenden Moment die eigene Leistung abzurufen, sind für alle Schützinnen und Schützen von Bedeutung. Die Sprache mag eine andere sein – die sportlichen Anforderungen sind es nicht.
Gerade als Trainer war diese Erfahrung für mich besonders interessant. Bewegungsabläufe, technische Fragen, Konzentration und Wettkampfverhalten lassen sich auch ohne gesprochene Sprache beobachten und verstehen. Vieles erklärt sich durch die Bewegung selbst.
Doch eines möchte ich nicht unerwähnt lassen: die sportliche Bilanz!
Dass die deutschen Sportlerinnen und Sportler nicht nur besondere Eindrücke hinterließen, sondern auch sportlich erfolgreich waren, zeigt die Bilanz dieser Europameisterschaft.
Von insgesamt 13 möglichen Finalteilnahmen erreichten die DGSV-Sportlerinnen und -Sportler 11 Finals.
So wie wir Deutschen sind, kommen wir natürlich mit Medaillen nach Hause.

Erik Hess gewann im Luftgewehr die Bronzemedaille.
Gemeinsam mit Sarah Wintergerst konnte er zudem den Europameistertitel im Mixed Team erringen.
Alexander Huber und Sara Schäfer sicherten sich in dieser Disziplin jeweils die Bronzemedaille.
Auch die Pistolenschützen konnten sich über einen Medaillenerfolg freuen. In der Mannschaftswertung mit der Luftpistole gewann das deutsche Team die Silbermedaille. Zum erfolgreichen Team gehörten Ingo Schweinsberg, Bodo Funke und Johannes Kruse.

Eine besondere Ehrung zum Abschluss
Zum Abschluss der Europameisterschaft wurden noch besondere Auszeichnungen vergeben. Geehrt wurden unter anderem Teilnehmer aus verschiedenen Kategorien sowie die jüngsten und ältesten Teilnehmer der Veranstaltung.
Eine weitere besondere Auszeichnung ging an den Sportler mit den meisten Teilnahmen an einer Europameisterschaft.
Diese Ehrung erhielt Ingo Schweinsberg. Er kann inzwischen auf zehn Teilnahmen an Europameisterschaften zurückblicken.
Mein Fazit!
Mehr als nur eine Europameisterschaft
Für mich persönlich war diese Europameisterschaft weit mehr als eine sportliche Veranstaltung. Sie hat mir einen Einblick in eine Welt gegeben, in der Kommunikation anders funktioniert, der sportliche Anspruch aber derselbe bleibt.
Ich habe erlebt, dass man sich auch ohne gesprochene Worte verständigen kann. Dass ein Blick, eine Geste oder eine Bewegung oftmals mehr sagen kann als viele Worte.
Und ich habe erlebt, dass wir als Trainer zwar unterschiedliche Wege der Kommunikation benutzen können, die gemeinsame Grundlage aber dieselbe bleibt: der Sport.
Vielleicht war genau das für mich die wichtigste Erkenntnis dieser Europameisterschaft:
Auf dem Schießstand braucht es nicht immer Worte, um sich zu verstehen. Die gemeinsame Sprache ist der Sport.
Interesse am DGSV?
Wer Interesse hat, sich im Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGSV) zu engagieren oder sich über die Möglichkeiten im Schießsport zu informieren, kann sich direkt an den Spartenleiter Marco Baron wenden.
Er informiert umfassend über die verschiedenen Möglichkeiten, sich im DGSV einzubringen.
Kontakt:
Marco Baron
Spartenleiter
fachwart-sps@dg-sv.de
Für den NWDSB
Thomas Themsfeldt
Bundestrainer Pistole
Tapthemsfeldt@t-online.de
Bilder: Marco Baron
Text: Thomas Themsfeldt